„Da schwimmen diese zwei jungen Fische dahin und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt. Er nickt ihnen zu und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Die zwei jungen Fische schwimmen noch ein Stück weiter, und dann schaut der eine zum anderen und fragt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“

— David Foster Wallace

Warum Richard David Precht im Alter nicht weiser, sondern engstirniger wird

Richard David Precht beklagt die Schere im Kopf. Er warnt vor verengten Meinungskorridoren. Er fordert offenen Diskurs.

Dabei verkörpert er genau die Struktur, die er kritisiert. Nur sieht er es nicht.

Das ist keine persönliche Schwäche. Das ist strukturell. Paradoxe Interaktion in Reinform.

Struktur 1: Der blinde Beobachter

Precht analysiert, wie dominante Narrative den Diskurs verengen. Ukraine-Krieg, Gaza, Corona – überall sieht er Mainstream-Zwang.

Seine Lösung? Eine Gegenperspektive. Die seiner links-alternativen Prägung. "Emotionale Äquidistanz zu den USA", wie er es nennt.

Was er nicht sieht: Das ist kein neutraler Standpunkt. Das ist ein anderer Bias. Sein Elternhaus – DKP-nah, antiimperialistisch, DDR-romantisch – prägt ihn bis heute. Nur nennt er es "Orientierung in einer veränderten Weltordnung."

Die PI: Wer am lautesten über blinde Flecken spricht, übersieht die eigenen. Je schärfer die Kritik am System, desto unsichtbarer die eigene Position darin.

Struktur 2: Die Kritik, die das Kritisierte reproduziert

Precht beklagt die "Schere im Kopf" beim Gaza-Krieg. Er ist vorsichtig, weil jeder Satz aus dem Kontext gerissen werden könnte.

Gleichzeitig verklärt er die DDR ("Ja, dieses Deutschland meine ich"), relativiert russische Aggression ("auch eine Folge der NATO-Expansion"), warnt vor AfD-Dämonisierung.

Er fordert Meinungsfreiheit – aber nur für seine Meinung. Wer ihn kritisch befragt (wie der NZZ-Journalist), bekommt Ausflüchte: "Darüber müssen Sie sich mit ihm unterhalten."

Die PI: Die geforderte Offenheit gilt nur für die eigene Position. Der Kampf gegen Verengung verengt – nur in die andere Richtung.

Struktur 3: Erfolg als Türhüten

Precht hat es geschafft. Millionenpublikum. Bestseller. Talkshows.

Und nutzt diese Position, um sich als unterdrückten Außenseiter zu inszenieren. "Man wird ausgegrenzt, wenn man vom Narrativ abweicht." Sagt er. In der Talkshow. Vor Millionen.

Michael Lüders, sein Beispiel für Cancel Culture, ist weiterhin in Medien präsent. Nur nicht mehr überall. Precht deutet das um: als Beweis für Unterdrückung.

Die Struktur dahinter: Wer erfolgreich Kritik übt, wird Teil des Systems. Um die Außenseiterposition zu halten, muss er die Ausgrenzung behaupten – auch wenn sie nicht mehr stattfindet.

Die PI: Der Erfolg zerstört die Position, die den Erfolg ermöglichte. Also muss die Unterdrückung konstruiert werden, um die Rolle zu rechtfertigen.

Warum das im Alter schlimmer wird

Junge Intellektuelle sind offen, weil sie noch suchen. Alte Intellektuelle sind borniert, weil sie gefunden haben.

Precht hat gefunden: Seine Weltsicht. Geprägt in den 1970ern. Bestätigt durch Jahrzehnte selektiver Wahrnehmung.

Jede neue Krise wird durch diese Linse gedeutet: USA böse, Russland missverstanden, Westen heuchlerisch, Mainstream blind.

Das ist kein Denken mehr. Das ist Mustererkennung. Die Struktur reproduziert sich selbst.

Die PI: Je mehr Lebenserfahrung, desto mehr Bestätigung der eigenen Sicht, desto weniger Offenheit für Widerspruch. Weisheit wird unmöglich, weil jede neue Information nur alte Überzeugungen verstärkt.

Was das zeigt

Precht ist nicht dumm. Nicht böse. Nicht absichtlich blind.

Er ist gefangen. In einer Struktur, die er nicht sehen kann, weil er in ihr denkt.

Das ist das Wesen von PI: Intelligente Menschen produzieren kollektive Irrationalität. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Rationalität.

Precht handelt rational – innerhalb seiner Weltsicht. Das Problem ist die Weltsicht selbst. Und die kann er nicht sehen, weil er durch sie sieht.

Veröffentlicht: 2025-01-28
Autor: Peter Senner
Framework: Paradoxe Interaktionen (PI)

Diese Analyse ist in Zusammenarbeit mit Claude (Anthropic) entstanden. Was Sie daraus machen, bleibt Ihnen überlassen.

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