Wie Systemtheoretiker die Einschlussmilieus reproduzieren, vor denen Luhmann warnte
Die Ironie ist perfekt.
Luhmann beschreibt operative Geschlossenheit. Selbstreferenz. Einschlussmilieus, die nur noch sich selbst beobachten. Seine Schüler nicken, verstehen, zitieren ihn brillant.
Und bauen exakt die Struktur nach.
Die Struktur
Die akademische Systemtheorie-Community ist ein selbstreferenzielles System, das nur noch sich selbst reproduziert. Sie beschreibt Inklusion/Exklusion – während sie praktiziert, was sie theoretisiert.
Operative Geschlossenheit als Methode:
Systemtheorie versteht nur, wer Systemtheorie spricht. Anschlussfähigkeit als Eintrittspreis. Externe Beobachtung? "Nicht anschlussfähig." Das System schließt sich durch Komplexität – und nennt es Qualitätssicherung.
Selbstreferenz als Validierung:
Wer zitiert wird: Andere Systemtheoretiker.
Wer rezensiert: Andere Systemtheoretiker.
Wer berufen wird: Systemtheoretisch Sozialisierte.
Die Struktur validiert sich selbst. Niemand außerhalb darf mitspielen.
Einschluss durch Exklusion:
Kritik von außen: "Hat Luhmann nicht verstanden."
Fragen von außen: "Nicht anschlussfähig."
Perspektiven von außen: "Reduktionistisch."
Das Milieu schützt sich durch Hermetik. Und nennt es wissenschaftliche Strenge.
Das Paradox
Luhmann beschreibt diese Dynamik.
Seine Schüler reproduzieren sie.
Exakt. Präzise. Unvermeidbar.
Nicht aus Böswilligkeit. Aus Struktur.
Das System "Systemtheorie" operiert nach den Regeln, die es selbst analysiert hat. Die Theorie hat die Community formatiert – nach den Prinzipien, die sie beschreibt. Das ist keine Kritik. Das ist Bewunderung. Die Systemtheorie hat sich selbst als perfekte Fallstudie erschaffen.
Der Test
Sie glauben nicht? Testen Sie es:
Treten Sie mit einem Framework an, das nicht aus der Systemtheorie kommt. Das strukturell Ähnliches beschreibt, aber andere Wurzeln hat. Paradoxe Interaktionen, zum Beispiel.
Beobachten Sie die Reaktion:
"Wo ist das publiziert?" (= Nicht in unseren Journals)
"Wer steht dahinter?" (= Keine anerkannte Institution)
"Kenne ich nicht." (= Nicht Teil des Zitationsnetzwerks)
Die Frage ist nie: "Stimmt es?"
Die Frage ist immer: "Ist es anschlussfähig?"
Und "anschlussfähig" bedeutet: Kommt es aus unserem System?
Die Luhmann-Schule
Brillante Köpfe. Luhmann-Virtuosen. Sie wissen das alles. Sie haben es zigfach beschrieben. Für andere Systeme.
Aber für ihr eigenes?
Schweigen.
Die Luhmann-Schule analysiert operative Geschlossenheit – in Politik, Wirtschaft, Recht.
Sie praktiziert operative Geschlossenheit – in ihrer eigenen Community.
Sie sieht es sogar. Aber sie tut es trotzdem.
Warum?
Weil die Struktur es verlangt. Wer die Geschlossenheit durchbricht, verliert Anschlussfähigkeit. Wer anschlussfähig bleibt, darf die Geschlossenheit nicht durchbrechen.
Das ist die PI.
Luhmanns Warnung – von seinen Schülern ignoriert
Luhmann hat genau davor gewarnt:
"Das Problem ist nicht, dass Systeme sich schließen. Das Problem ist, dass sie ihre eigene Schließung nicht mehr beobachten können."
Die Systemtheorie beobachtet alles.
Außer sich selbst.
Sie beschreibt Inklusion/Exklusion in der Gesellschaft.
Aber nicht im eigenen Milieu.
Sie analysiert, wie Systeme sich gegen Umweltkomplexität abschotten.
Aber nicht, wie sie selbst genau das tut.
Die Struktur immunisiert sich durch ihre eigene Theorie.
Wer auf die Geschlossenheit hinweist? "Nicht anschlussfähig."
Wer anschlussfähig wird? Hört auf, die Geschlossenheit zu sehen.
Perfekt. Unvermeidbar. Strukturell notwendig.
Warum das kein Skandal ist
Das ist keine Anklage. Das ist Anerkennung.
Akademische Systeme brauchen operative Geschlossenheit. Ohne Filter: Chaos. Ohne Standards: Beliebigkeit. Die Systemtheorie tut, was jede wissenschaftliche Community tun muss.
Aber.
Wer die Filter beschreibt, sollte merken, wenn er selbst gefiltert wird.
Wer Einschlussmilieus analysiert, sollte erkennen, wenn er in einem sitzt.
Die Luhmann-Schule analysiert brillant, wie andere sich einschließen.
Sie merkt nicht – oder schweigt darüber – dass sie selbst eingeschlossen ist.
Das ist die Struktur.
Und wir behaupten: Das ist auch eine PI.
Nur mal so!
Die Frage
Wenn Luhmanns Theorie stimmt – und die Community ist überzeugt, dass sie stimmt –
dann muss die Systemtheorie-Community selbst ein operativ geschlossenes System sein.
Ist sie das?
Wenn ja: Warum analysiert sie es nicht?
Wenn nein: Welche Struktur schützt die Systemtheorie vor dem, was sie bei anderen sieht?
Wir behaupten: Es gibt keine Ausnahme.
Die Systemtheorie ist selbst ein Einschlussmilieu.
Sie beschreibt, was sie ist.
Sie ist, was sie beschreibt.
Stimmt das?
Oder haben wir Luhmann nicht verstanden?
Die Ironie: Wir müssen Luhmann gar nicht verstehen, um die Struktur zu durchschauen.
Die Herausforderung
Wir erwarten keine Freundschaft.
Wir erwarten keine Anschlussfähigkeit.
Wir erwarten keine Einladung.
Wir erwarten Widerspruch. Intellektuell präzise. Strukturell fundiert.
Zeigen Sie uns, dass wir falsch liegen.
Nicht mit "Das ist nicht anschlussfähig."
Nicht mit "Kennen wir nicht."
Nicht mit "Wo publiziert?"
Sondern mit: "Die Struktur funktioniert anders. Hier ist warum."
Das wäre Luhmann würdig.
Das wäre respektabel.
Das wäre die Reaktion eines Systems, das in der Lage ist, sich selbst zu beobachten.
Oder beweisen Sie uns, dass wir recht haben. Durch Schweigen.
Try and continue
Die Systemtheorie ist brillant. Luhmann war ein Genie. Seine Schüler sind intellektuell überlegen.
Aber sie sitzen in der Struktur, die sie beschreiben.
Und sie merken es nicht.
Oder sie merken es – und schweigen.
Oder sie wissen es - und verteidigen es, sobald es jemand anderes merkt.
Alle drei Optionen sind strukturell notwendig.
Wir sind nicht hier, um Freunde zu werden.
Wir sind hier, um zu fragen: Stimmt das?
Wenn ja: Warum schweigt ihr?
Wenn nein: Warum antwortet ihr nicht?
Wenn nein: Warum wehrt Ihr Euch?
Peter Senner
Thinking beyond the Tellerrand
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